Famulaturen in Broken Hill / Australien


Vom 3. März bis 4.April 1997 habe ich in Broken Hill/Australien famuliert. Der folgende Bericht soll als Memorix dienen.

Wie kommt man darauf, in einem 20000-Einwohner-Städtchen mitten im australischen Outback eine Famulatur zu planen? Bei mir war die Entscheidung, eine Bewerbung nach B.H. zu schicken, eher zufällig gefallen. Eine einmal ausgearbeitete Bewerbung kann man in jedes englischsprachige Land schicken, dachte ich mir, nahm den Atlas in die Hand und hielt Ausschau nach Orten meines Begehrens. Dabei leitete mich der Gedanke, an ein möglichst kleines Krankenhaus gehen zu wollen, um eine gute Betreuung und den Zwang des Englischsprechens zu sichern. So sendete ich also im Mai 1996 fünf Bewerbungen nach "Down Under", die alle nach ca.3 Wochen (!!) bereits beantwortet waren. Grundsätzlich wäre eine Famulatur überall möglich gewesen, allerdings kostet der Spaß an den meisten Häusern die Kleinigkeit von bis zu 300 A$ pro Woche! Schließlich habe ich dann in Broken Hill zugesagt, von wo ich ein sehr nettes Schreiben erhielt und wo sich die Kosten auf 40A$ pro Woche für Unterkunft und Vollverpflegung beliefen. Es war kein Problem, ein entsprechendes Visum von der australischen Botschaft zu erhalten, obwohl ich vorher von einem regelrechten "Spießrutenlauf" gelesen hatte. Das Flugticket nach Australien inkl. 2 inneraustralischen Flügen kostete DM 2200,- (Qantas). Natürlich bietet es sich an, auf den Interkontinentalflügen je einen Stopover in einer asiatischen Metropole zu machen. Auch in Australien selbst gibt es so viel zu sehen, daß ein Anschlußaufenthalt in Sydney und an der Nordostküste für mich außer Zweifel stand.
Broken Hill selbst liegt im Bundesstaat New South Wales, 500 km entfernt von Adelaide (SA), und ist eine Bergbaustadt, deren Boomzeiten allerdings vorüber sind. Reiche Silber-, Blei- und Zinkvorkommen lockten im vorigen Jahrhundert zahlreiche Einwanderer hierher. Heute sind lediglich noch 400 Menschen im Bergbau tätig, viele junge Leute gehen in die größeren Städte, zurück bleiben meist die Alten. Trotzdem ist Broken Hill keine tote Stadt, sondern bietet eine belebte Haupteinkaufsstrasse, mehrere Supermärkte, etliche Clubs, Pubs und sogar Schwimmbad, Golfplatz sowie diverse Fast-Food-Restaurants, Kunstgalerien und eben ein Krankenhaus, das Broken Hill Base Hospital. Nicht vergessen werden darf natürlich der Royal Flying Doctor Service of Australia, der in B.H. eine Basis mit 2 Flugzeugen unterhält und ein Gebiet versorgt, welches fast so groß wie Deutschland ist.

Die Unterbringung erfolgte im Nurses Home, welches sich direkt beim Hospital befand, in einfach ausgestatteten Zimmern mit Dusche und Toilette auf dem Gang.
Ich war keineswegs wie erhofft der einzige Famulus, sondern einer von 6 deutschen und ebenso vielen australischen Studenten. Das enttäuschte mich anfangs sehr, denn wie sich schnell zeigte, war diese Anzahl Studenten für ein 130-Betten-Haus einfach zu viel. Obwohl ich mich für die Chirurgie beworben hatte,verbrachte ich nur sehr wenig Zeit auf dieser Station oder im OP, sondern plante jeden Tag einzeln. Zur Auswahl standen zunächst die 'wards' (Innere, Chirurgie, Pädiatrie, Gynäkologie), ferner die Radiologie, Pathologie/Labor,die Notaufnahme und schließlich die Outpatients Clinic (eine Art Ambulanz). Man konnte also überall zuschauen, helfen, fragen usw., hatte jedoch keinen eigenen Aufgabenbereich, wie ich es von meiner ersten Famulatur in Deutschland her kannte. Im Allgemeinen sind die Ärzte recht zugänglich und freundlich, zeigen viel, stellen aber auch Fragen. Für uns Studis fanden zu festen Terminen Seminare in Chirurgie, Innerer Med. und Anästhesie statt, die der jeweilige Consultant hielt und von unterschiedlicher Effizienz waren. Ein Student hielt zunächst ein kurzes Referat oder stellte einen Patienten vor, anschließend konnten Fragen gestellt werden. Ein spezielles Erlebnis war eine Videokonferenz mit einem Nephrologen in Adelaide. Ebenfalls während meiner Zeit fand in B.H. eine internationale "Mental Health Conference" statt, an der wir teilnehmen bzw. die Hauptvorträge hören konnten. Es ging dabei um Vorkommen und Therapie von speziell in Gebieten mit sehr geringer Bevölkerungsdichte auftretenden psychiatrischen Erkrankungen wie z.B. Depressionen (aufgrund von Isolation).

Weiterhin wurde für uns (Studenten) eine Besichtigung und Führung durch die RFDS-Base organisiert,was natürlich sehr interessant war. Auch eine Führung durch das Stollensystem des Silbererzberkwerkes war möglich. An dieser Besichtigung konnte ich leider nicht teilnehmen, weil ich mich zu dem Zeitpunkt im ca. 200 km entfernten Wilcannia befand - ein Ort, in dem sich ein sehr kleines "Krankenhaus" befindet, welches ärztlich vom RFDS betreut wird, da in Wilcannia kein Mediziner wohnt. Der Ort, dessen 1000 Einwohner zu 85% Aboriginals sind, ist wohl in Australien wegen der hier herrschenden Zustände bekannt. Es gibt keine Arbeit und keine Möglichkeiten der Freizeitbeschäftigung, so daß die Aboriginals fast ausnahmslos von der staatlichen Sozialhilfe leben. Die Regierung baut den Familien Häuser, die nach kurzer Zeit in nahezu unbewohnbare Zustände versetzt sind. Alkoholmißbrauch sowie die uns sehr fremden Familien- bzw.Stammstrukturen führen zu Gewalt und Verbrechen. Der Löwenanteil der zu versorgenden Patienten kommt mit Infektionen oder Schlag- bzw. Stichverletzungen in die Krankenstation. Kleinkinder mit großen Eiterbeulen am Kopf und infizierten Schnittwunden an den Füßen sind keine Seltenheit. Hier kam ich endlich zum Untersuchen von Patienten, zum Blutabnehmen, EKG-Schreiben u.ä.. Trotz oder gerade aufgrund dieser wirklich extremen Bedingungen in Wilcannia wird mir mein Aufenthalt dort lange im Gedächtnis bleiben. Der Rücktransport nach B.H. erfolgte übrigens in einer der beiden Maschinen des RFDS.
Die hygienischen Verhältnisse im Hospital unterscheiden sich schon sehr von denen bei uns. So sind die Patientenzimmer mit Teppich ausgelegt, nach Alkohol zum Desinfizieren der Hände muß man regelrecht suchen und die Ärzte tragen keine Kittel, sondern lediglich dunkle Hose, Hemd und Kravatte bzw. Rock und Bluse, was zwar nett aussieht, aber - naja, ist eben anders als bei uns! Vielleicht wird die Hygiene bei uns ja auch übertrieben!?
Sehr beispielhaft erschien mir der Umgang der Ärzte mit den Patienten. Man nimmt sich einfach mehr Zeit dafür, ihnen zu erklären, was und warum etwas passiert, das therapeutische Vorgehen wird mit dem Patienten bzw. den Angehörigen abgesprochen und evtl. Fragen ausführlich beantwortet. Die Freizeitmöglichkeiten in Broken Hill waren vielfältig. Hier war nun die "grosse Familie", die wir Studenten zusammen mit den Krankengymnastinnen und vielen australischen und irischen Krankenschwestern, -pflegern und MTA's bildeten, von großem Vorteil. Ob Camping im Outback, Barbecue in einem ausgetrockneten Flußbett, Ausflüge in die umliegenden Nationalparks oder einfach ein unterhaltsamer Abend in einem Pub - dies alles macht mit mehreren Leuten natürlich viel mehr Spass als allein!!!

Alles in allem habe ich die Zeit in Broken Hill genossen, wenngleich die Famulatur einen anderen Lauf nahm, als ich erwartet hatte. Ich habe einen guten Einblick in das australische Gesundheitssystem, in die dortige Krankenbetreuung und natürlich in die speziellen infrastrukturellen und sozialen Probleme des Outback-Gebietes und dessen Bewohnern erhalten.

J. S.
April 1997