D I E   M A U R E N   I N   S P A N I E N


- Geschichte einer islamischen Kultur im europäischen Mittelalter -

von   SIEGRID SCHMEER





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Die Entstehung des Islam       Die spanischen Berber-Dynastien
Die arabische Eroberung Spaniens       Das Ende in Granada
Das Kalifat von Córdoba        






Fern im Westen, fern vom Palmenland
Pflanzte ich mir einen Palmenbaum.
Weit entfernt vom heimatlichen Strand
Leben wir in einem neuen Raum.

0 Palmenbaum. du bist verwaist wie ich
In einem Lande, da du fern von deinesgleichen
Du weinst, und deine Blätter rauschen sich
Die Klagen zu, die mein Gemüt erweichen.

(Abd ar-Rahman I. / um 780)














«     Die Entstehung des Islam     »


      Um die Entwicklungen zu verstehen, die bis heute den Islam prägen und die sich auch in den 850 Jahren der arabischen Herrschaft über Spanien geltend machten, ist es sinnvoll sozusagen "beim Barte des Propheten" Mohammeds zu beginnen... - Er wurde 570 als Sohn einer verarmten Kaufmannsfamilie aus dem Stamm der Kuraisch in Mekka geboren und wuchs bei seinem Onkel Abu Talib, einem Karawanenführer auf, der das Kind auf langen Reisen als Lehrling mitnahm. Nach dem Tode des Onkels wurde Mohammed Hirte und ließ sich später als Kaufmann nieder. Da er als Rechtschaffen galt, bekam er von der reichen, ihm verwandten Witwe Chaddischa das Amt eines Verwalters übertragen und heiratete sie. Sie hatten mehrere Kinder, von denen aber nur die älteste Tochter Fatima überlebte und durch Heirat mit Ali das Geschlecht fortsetzte.

      Auf einer Reise hatte Mohammed 610 auf dem Berg Hira die erste Offenbarung, bei der ihm der Erzengel Gabriel den Auftrag gab die Welt in einem Glauben zu vereinen. In den folgenden 23 Jahren gab es nach der Überlieferung noch viele weitere Offenbarungen während Mohammed in der Wüste meditierte. Er war ein gebildeter, weltoffener Mann, der auf seinen weiten Reisen Kontakte zu Christen, Juden und Byzantinern pflegte, und ebenso Kenntnisse in Philosophie und Magie besaß; diese Ideen flossen in seine Ausführungen ein. Er predigte auf den Straßen Mekkas, wo er schnell begeisterte Anhänger fand - aber auch Anstoß erregte mit seinen neuen Gedanken und schließlich der Stadt verwiesen wurde, weil er der örtlichen Regierung zu mächtig geworden war. Mohammed floh mit seinen Anhängern am 15. / 16. Juli des Jahres 622 n. Chr. vor Verfolgungen nach Yathrib (Medina), wo er ungestört weiter predigen konnte. Dieses sogenannte "Jahr der Hedschra" wurde zum Jahr 0, von der aus jede islamische Zeitrechnung datiert und mit dem - nach ihrem eigenen Selbstverständnis - die Geschichte jeder islamischen Kultur beginnt. Obwohl er schon bald nach Mekka hätte zurückkehren können, entschloß sich Mohammed ganz nach Yathrib überzusiedeln, wo ihm die Bürgerschaft freundlicher gesonnen war.

      Dort verpflichtete er seine schnell wachsende Gemeinde zu einem Vertrag, der über den traditionellen arabischen Sippen- und Stammesschutz hinausging; alle mußten Zusammenhalt untereinander und gegenseitigen Schutz ohne Ansehen von Herkunft und Stand schwören. Die Umma, die Gemeinschaft aller Gläubigen, wurde zu einer höheren Solidargemeinschaft, die sich als übernationale Idee in den folgenden Jahrhunderten als eine besondere Stärke des frühen Islam erweisen sollte. Ihre gemeinsamen äußerlichen Kennzeichen wurden in späteren Jahren als die "Fünf Säulen des Glaubens" zusammengefasst: Das Glaubensbekenntnis, das rituelle Gebet, das Zahlen der Armenspende, das Fasten während des Monats Ramadan und die Pigerfahrt nach Mekka.

      Von Yathrib aus verbreitete sich die neue umfassende Lehre, die nicht nur das tägliche Leben regelte, indem sie in Ehe und Familie den Frauen und Kindern neue Rechte brachte, die sie vorher gegenüber den Männern nicht hatten; sondern sich auch auf die Behandlung von Sklaven, Bediensteten und Kriegsgefangen bezieht, und statt der üblichen Plünderungen der Eroberer ehrerbietiges Handeln gegenüber den Besiegten und Toleranz gegenüber Andersgläubigen, vornehmlich Christen und Juden, fordert, auch wenn deren Glaubensätze und jede religiöse Vergegenständlichung abgelehnt werden, wie z.B. das "fleischgewordene Wort" des Christentums. Die Unterwerfung fremder Völker durch dem Islam hatte nicht - wie des Christentum - die "Islamisierung" zum Ziel, sondern die Ausbreitung der Herrschaft und damit verbunden die Ausschöpfung der wirtschaftlichen Möglichkeiten der Länder. Die Unterworfenen behielten ihr Eigentum und die Freiheit der Religionsausübung blieb gewährleistet, da der Mensch, egal wie er handelt, immer seinem Schicksal unterworfen bleibt und das Individum sich nur durch eigene Einsicht zum Islam bekennen kann. Deshalb gab es auch nach den Eroberungen auch keine aktive Missionsarbeit wie sie in christlichen Kulturen üblich war. Die strikte Anwendung des Koran und seiner Forderungen ließ die Araber in den folgenden Jahrhunderten daher nie aIs Eroberer, sondern stets als Befreier erscheinen; die ungIaubliche Geschwindigkeit der Ausbreitung der neuen Religion lag so in den, für diese Zeit revolutionären Ideen und in der politischen Schwäche des byzantinischen Reiches.

      Von Medina aus verbreitete sich der neue Glaube schnell über die gesamte arabische Halbinsel und die sogenannte "Öffnung der Länder durch Gott" begann. Weite Landstriche Palästinas und Mesopotamiens fielen in ihre Hände. Die Parole lautete, die Dar al-harb (Welt des Unfriedens) durch Dschihad, den Heiligen Krieg, zu zerbrechen und unter die Dar al-islam (Welt der Unterwerfung; d.h. Islam) zu zwingen, da sie nur so befriedet werden könne. Zur schnellen Verbreitung trug auch die Vorstellung bei, daß Krieger, die im Dschihad fallen das größte Opfer für Allah bringen und daher direkt in den 7. der Himmel eingehen, wo ihnen alle denkbaren Genüsse winken, was die Begeisterung der Heere noch zusätzlich anfachte. - Mohammed starb 632 bei einem Fieberanfall in den Armen seiner jüngsten Frau Aischa, der Tochter Abu Bakr's. Zu diesem Zeitpunkt war bereits die ganze arabische Halbinsel "islamisiert", also unterworfen.

      Da der Prophet seine Nachfolge nicht geregelt hatte, wählten die Männer seiner nächsten Umgebung zuerst Abu Bakr, der von Medina aus regierte; später die Mohammed nahestehenden Freunde Omar und Othman zu seinen Nachfolgern. Unter Omar wurde 635 Damaskus erobert und 642 gab Byzanz auch Alexandria auf, wodurch der Weg nach Westen frei wurde. - Um etwa diese Zeit - knapp 19 Jahre nach Mohammeds Tod - wurde der Koran, das "heilige Buch", das zuerst nur mündlich überliefert worden war aus der Erinnerung der letzten Ohrenzeugen in der neuen Residenzstadt Kûfa niedergeschrieben und zu Suren und Versen zusammengefasst, die nach ihrer Länge geordnet, festgehalten sind. Wieviel davon auf Mohammed selbst zurückgeht und was spätere Zutat ist, ist heute wissenschaftlich umstritten.

      Nach dem Tode Othmans wird 656 Ali, der Neffe Mohammeds und Ehemann Fatimas - des einzigen Kindes des Propheten - zum Kalifen gewählt. Der Titel Kalif bezeichnet die herausragende Stellung in der Gemeinde, die dem politischen und religiösen Erben Mohammeds zuerkannt wird. Im Gegensatz zum christlichen Kaiser allerdings besitzt er keine Herrschaftsinsignien wie Krone und Szepter, da er nach dem Koran nicht über der Gemeinde stehen darf, sondern lediglich Teil von ihr ist. Mit dieser Wahl konnte sich jene Fraktion der Familie durchsetzen, die gegen die ersten Kalifen opponiert hatte, da sie behaupteten, Mohammed habe ihm allein das Prophetentum übertragen und nur Ali und seine leiblichen Nachkommen seien deshalb die wahren Kalifen. Diese Gruppe der Familie des Ali nannte sich Schiat Ali, was unserer heutigen Bezeichnung "Schiiten" zugrunde liegt.

      Ali fiel als letzter der sogenannten "Vier Rechtgeleiteten Kalifen" und letzter, Mohammed persönlich nahe stehender Mensch, in der Schlacht von Raqqa. Die Frage nach der weiteren Nachfolge führte zur ersten Spaltung des Islam, denn die Parteigänger der Familie des Ali, verlangten, daß nur die direkten Nachkommen des Propheten, die Imame, also seine Enkel Hassan und Hussain und deren Nachkommen allein berechtigt seien das Kalifat anzutreten. Die Sunniten dagegen sagten, jeder bekennende Gläubige sei geeignet zur Führung und verhalfen der reichen Kaufmannsfamilie der Omaija in Damaskus an die Macht, die das alte Wahlkalifat im Laufe der weiteren Geschichte erblich machte und an sich band. - Dieser Interessenskonflikt zwischen den Gruppen sollte im Laufe der folgenden Entwicklungen aber immer wieder zum Ausbruch kommen.

      Mu'awija I., aus der Familie der Omaija und Emir (Gouverneur) der Provinz Syria, ernannte sich 661 mit Billigung der Sunniten selbst zum Kalifen. Er verlegte seinen Regierungssitz aus dem schiitisch dominierten Kûfa in das traditionell byzantinisch bestimmte Damaskus, wo er unter seinen Parteigängern sicher war; kulturell jedoch blieb der persische Raum mit seinen sassanidischen Traditionen und städtisch-höfischer Kultur für das wachsende islamische Großreich bestimmend - daran änderte auch die demonstrative Verlegung des Kalifats nichts. Unter seiner Regierung wurde das ganze persische Reich; im Osten, bis nach Indien und China; und im Westen Nordafrika bis nach Tunesien erobert. Nach seinem Tod 680 kam es durch Nachfolgestreitigkeiten 684 zur Schlacht Merdj Rahid bei Damaskus, in der sich die verfeindeten Sippen der Kelbiten und Kaischiten bekämpften. Die Familie der Kaisch, der auch Mu'awija angehört hatte gewann die Schlacht, was zwar den Machterhalt der Omaijaden sicherte - was aber gleichzeitig auch zur Fortsetzung alter, innerarabischer Spannungen führte, die wiederum hundert Jahre später in Spanien spürbar werden sollten. - Die Nachfolger dieses ersten Omaijaden-Kalifen sicherten die eroberten Gebiete und bauten ihren Einflußbereich weiter aus. Für sie war die Befolgung der Gebote des Islam eine eher äußerliche Angelegenheit, die der Politik untergeordnet wurde, wenn es opportun erschien, was die, für diese Zeit fast unglaubliche Toleranz erklärt.

      Dem Nachfolger Mu'awijas Abd al-Malik Ibn Merwan (685-705) gelang es die Ruhe wieder herzustellen und Spannungen innerhalb des Heeres auf weiteren Feldzügen abzubauen. So eroberte er die gesamte Nordküste Afrikas vom Atlantik zur Sahara. Die neuen Gebiete wurden nach den Regeln der arabischen Bürokratie organisiert: Einem Emir wurden Katib (Sekretäre) für die diversen Sparten der Verwaltung unterstellt, denen Wesire (Schreiber) für die Exekutive zugeordnet waren. Zusammen bildeten sie den Divan (Verwaltungsrat), der Rechtssicherheit und Verteidigung des Landes garantierte und der für die Steuereintreibung und Abführung der Zahlung zur Zentralregierung nach Damaskus verantwortlich war. In allen Handlungen war der Divan dem Kalifen rechenschaftspflichtig und stand durch Kuriere ständig in Verbindung mit der Hauptstadt, weshalb der Auftrag zum Bau eines umfangreichen Straßennetzes immer zu den ersten Amtshandlungen gehörte. Die Einführung des koranischen Arabisch, der kûfischen Schrift sowie die Anwendung der von Koran und Hadith - die "Tradition der Überlieferung" - vorgegebenen Gesetze gehörten, ebenso wie die Dirham-Währung zur Vereinheitlichung der Verwaltung und waren das gemeinsame Band, das alle eroberten Provinzen unter dem Willen des Kalifen vereinte. - Die Dynastie der Omaijaden, die Mu'awija gegründet hatte, regierte bis zu ihrem Sturz 744 in Damaskus.





«     Die arabische Eroberung Spaniens     »


      Mit dem Kalifen Walid I. (705-715) begann die Geschichte der Eroberung Spaniens durch die Araber. Der von ihm in Nordafrika eingesetzte Emir war Musa Ibn Nusair al-Bakri, ein ehemaliger Sklave des Bruders des vorangegangenen Kalifen Abd al-Malik. Obwohl Kalif Walid bestimmt hatte, die Grenzen der islamischen Gemeinschaft nicht über das Meer auszuweiten, landete im Juni 710 eine Gruppe Berber an einer Landzunge nahe Gibraltar um das Land zu erkunden. Anführer der 400 Mann starken Flottenbesatzung, die von Ceuta in Marokko gekommen war, war Abu Zora Tarif. Am Landungspunkt schlug man ein festes Lager auf - heute das Städtchen Tarifa - und unternahm von dort aus Ghassiya; Beuteritte, Ursprung unseres Wortes "Razzia". Zur gleichen Zeit eroberten arabische Kriegsschiffe aus Tunis auf Geheiß Musas die Balearen. Die Berichte und die Beute der Zurückgekehrten machten tiefen Eindruck auf den Emir und Musa beschloß zur Mehrung eigenen Ruhms selbst einen Angriff auf das benachbarte Festland zu wagen.

      Nach einer anderen arabischen Überlieferung gab eine Bitte um Unterstützung des Grafen Julian gegen den Westgotenkönig Roderich den Ausschlag für einen zunächst noch begrenzten arabischen Feldzug in Spanien. Dieser begann im Sommer 711 unter Führung des Berbers Tariq Ibn Ziyad, einem Freigelassenen des Musa. Er setzte von Ceuta aus mit 7.000 Mann zum spanischen Festland über und landete an einem Felsen, der zur Erinnerung Djebel al-Tariq, "Berg des Tariq" - heute Gibraltar - genannt wurde. Einen Monat später erhielt er weitere 5.000 Berberkrieger zur Verstärkung geschickt und am 19. Juli endlich standen sich das nun 12.000 Mann starke Berberheer des Tariq und die 100.000 Goten König Roderichs zunächst an der Laguna de la Janda, nahe Cap Trafalgar gegenüber. Durch Intrigen zwischen den zerstrittenen Generälen Roderichs brach das stärkere Westgoten-Heer auseinander. Ein anderer Grund für den schnellen Vormarsch und die Siege der zahlenmäßig unterlegenen Araber war ihre neue Militärtaktik, die große Beweglichkeit im Kettenhemd mit Pfeil und Bogen auf schnellen, wendigen Pferden mit leichter Bewaffnung vorsah, während die Goten mit Körperpanzerung und Schwert kämpften. - Der innere Verfall des westgotischen Reiches unter den Königen Witzia und später Roderich erlaubte den Arabern so die blitzartige Eroberung der iberischen Halbinsel, wo sie schließlich bei Jerez de la Frontera die letzte entscheidende Schlacht schlugen.

      Die Nachricht von der reichen Beute lockte nun auch Musa von Tunis herüber, wo er mit 18.000 Mann bei Dschazira al-Chadra, dem heutigen Algeciras, anlandete; die Truppen Tariqs zogen weiter am Wadi al-Kabir, dem "Großen Fluß", heute Guadalquivir, entlang und durchstreiften Mittelspanien. Musa festigte seine Herrschaft indem er Kastilien und Estremadura in mehrere Provinzen aufteilte, während Galicien und verschiedene Landstriche Kantabriens unabhängig blieben: Kunka (Cuenca), al-Ulga (Ciudad Real), al-Belat (östlich Ciudad Real), esch-Scharam (Neu Kastilien, Caceres, Avila) und Cars jom abi-Dames (Merida). Regierungssitz war Kairuan in Tunesien. Sevilla wurde - zur Demütigung der ehemaligen westgotischen Königsstadt Toledo - zum Verwaltungssitz des Unterbezirks der neuen arabischen Provinz Ifrika gemacht. Die Grenze der arabischen Herrschaft lag nun im Norden an einer unbestimmten Linie, zwischen Coimbra und Pamplona, an deren Rändern ständiger Kriegszustand herrschte. In der NW-Ecke lag das freie Königreich Asturien mit seiner Hauptstadt, dem Walfahrtsort St. Jago de Compostela.

      Den Plan, den Christen den verbliebenen Landrest Ischibanya wegzunehmen konnte Musa nicht mehr ausführen, weil er zum Rechenschaftsbericht nach Damaskus zitiert wurde. 713 befahl Musa daher dem Tariq zurückzukehren. Ihre vereinigten Heere eroberten 713/14 noch Salamanca, Saragossa, Barcelona, León und überschritten zum ersten Mal kurzeitig die Pyrenäen. Sie trafen nur noch auf geringen Widerstand, wie z.B. den mythischen Westgoten-Grafen Pelayo, der seine Unabhängigkeit noch sehr lange behaupten konnte, aber militärisch glücklos blieb. - 714/15 übergab Musa seinem Sohn Abd al-Aziz die Verwaltung und zog mit einer reich an Beute beladenen Karawane von 1.000 Kamelen und unzähligen kriegsgefangenen Sklaven zum Mittelpunkt der damaligen islamischen Welt. Seine Ankunft in Damaskus stand unter keinem guten Stern: Durch den Tod des Kalifen und durch sein diplomatisches Ungeschick geriet er in den Nachfolgestreit um die Thronfolge und konnte nicht mehr nach Spanien zurückkehren. Er beschloss sein Leben in der Verbannung, irgendwo in einem namenlosen Dorf am Rande der syrischen Wüste. - Auch von Tariq berichtet keine Quelle mehr.

      Nach Einnahme Toledos hatte das Westgotenreich aufgehört zu existieren. Es war in einem Sommer untergegangen und Spanien war in weniger als drei Jahren von den Arabern erobert worden. Die folgenden Jahrzehnte der arabischen Herrschaft über Spanien waren eine endlose Geschichte typisch arabischer Sippenfehden, Stammesrivalitäten, Ehrenhändeln und Intrigen. Während der ersten vierzig Jahre regierten zwanzig Emire über al- Andalus von denen es nur dreien gelang die Macht länger als fünf Jahre zu behalten, bevor sie von der Klientel ihres Nachfolgers aus dem Weg geschafft wurden. - Als die Araber 718 die Pyrenäen überschritten (...nur 100 Jahre nach der Flucht des Propheten aus Mekka!) und 719 in Nîmes Toulouse und Narbonne feste Stützpunkte anlegten, ließ sich der schnelle Sieg des Eroberungszuges nicht wiederholen. 732 wurden sie bei Poitiers und Tours vom fränkischen Hausmeier Karl - der später dafür den Ehrentitel Martell, d. h. "der Hammer", verliehen bekam - auf ihrem Weg nach Nordwesten entscheidend geschlagen und zogen sich wieder zurück. Die verlorene Schlacht war für das islamische Großreich nicht so bedeutend wie es aus der Sicht westlicher Historiker zu sein scheint. Es war nur eine verlorene Schlacht an einer der vielen Grenzen, die von arabischen Chronisten keine besondere Aufmerksamkeit erhielt. Arabische Schriftquellen nannten in den folgenden Jahren die Pyrenäen als westliche Grenze der äußersten Ausdehung des arabischen Kalifats - den zur gleichen Zeit der Ganges in Indien als Südostgrenze markierte. Dieser Rückzug hatte seinen Grund auch in aufkommenden inneren Unruhen, denn es brachen Spannungen zwischen der arabischen Aristokratie und den nordafrikanischen Kriegern durch. Das Emirat wurde von inneren und äußeren Kämpfen geschüttelt, während die Christen an der Nordgrenze die unklare Situation zu Einfällen nutzten und Teile des Landes zurückeroberten.

      Für das aufgeschreckte Abendland markierten die Überschreitung der Pyrenäen und der Beginn des islamischen Rückzugs aus dem Norden auch die Beschäftigung mit der neuen Religion; aber die Kontaktversuche der christlichen Welt mit dem Islam waren von Anfang an zwiespältig. Durch die Konkurrenzsituation entstanden in der christlichen Tradition die ersten Schriften gegen den Islam - beginnend mit Johannes Damascenus und in späteren Jahrhunderten fortgesetzt von Petrus Venerabilis und Raimondus Lullus, die versuchten Mohammed als Betrüger und Abgesandten des Teufels zu entlarven. Ihre Polemiken prägen bis heute das Bild des Islam in der westlichen Welt.

      Nach innen wurde das neu eroberte Land in den folgenden Jahrzehnten umstrukturiert: Die Eroberten nannten die Eroberer wegen des hohen Berber-Anteils Moros, was auf auf das lateinische Wort "Mauri" zurückgeht und die Atlas-Berber bezeichnete. Ihr Gebiet war die Mauretania Tinigitana, heute Algerien und Marokko. Sie selbst nannten sich, mit Blick von Damaskus aus Maghribi, Bewohner des Westlandes, das von Tunesien bis Spanien reichte. Im arabischen Volksmund wurde dieses Land hinter dem Meer nach den Wandalen al-Andalus genannt, die lange vor den Westgoten von dort aus nach Nordafrika übergesetzt waren.

      Die Westgoten-Könige hatten sich als Imperatoren von großer Härte gegen die Untertanen gezeigt. Von den Römern hatten sie das drückende Steuerwesen, Latifundienwirtschaft und Sklaverei in der brutalsten Form übernommen. In den ersten Jahren der islamischen Besetzung wurde die ehemals westgotisch-christlich geprägte Gesellschaft, die in einer Art Kastenwesen streng organisiert war nun völlig umgebaut und nach islamischen Wertvorstellungen umstrukturiert. Namhafte Widerstände gegen die muslimischen Eroberer gab es nicht - nicht zuletzt, weil sie denen, die sich ergeben wollten, bessere Bedingungen einräumten, als sie sonst bei siegreichen Heeren üblich waren. Die eroberten, hier ansässigen "Völker des Buches" wurden unter islamischer Herrschaft bevorzugt behandelt, weil Mohammed sie als Besitzer eines Teils göttlicher Wahrheit angesehen hatte, die nur einer falschen Auslegung unterliegen. Da sie den Islam anfeinden sind sie dem Erbe Abrahams untreu geworden, was nach dem Koran den "Heiligen Krieg" rechtfertigte - aber auch Milde nach dem Sieg vorschrieb.

      In den Städten herrschte das Bestreben die Ordnung möglichst schnell wieder herzustellen und vorgefundene Strukturen mit neuer Bestimmung zu übernehmen. Synagogen und Kirchen blieben bestehen, daneben entstanden neue Moscheen. Alle Religionen konnten ihre Gesetze und Richter behalten, mußten aber aus der Mitte ihrer Gemeinde einen Vorsteher wählen, der sie vor der neuen moslemischen Regierung vertrat und für die Verteilung der nach Einkommen und Beruf gestaffelten Steuern und ihre Abführung zu sorgen hatte. - Für die katholische Geistlichkeit, der alle Privilegien und Besitzungen weggenommen worden waren, bedeutete die neue Herrschaft einen schmerzhaften Machtverlust. Unter den westgotischen Königen hatten sie Unduldsamkeit und Herrschsucht gezeigt und die Konzilien konnten den Königen in vielen Fällen vorschreiben was sie zu tun und zu lassen hatten. Nun fiel das Recht, die Bischöfe der christlichen Geinden zu ernennen den Emiren zu und dieser Umstand gab Anlaß zu vielen Ärgernissen und Demütigungen der Kirche, da der Emir die Bischofswürde in der Regel versteigern ließ und der Meistbietende auch Jude oder Moslem sein konnte. Hinzu kam, daß nun auch noch die Gläubigen der Kirche in hellen Scharen davon liefen, denn die Christen erhielten durch ihren Übertritt zum Islam die vollen Bürgerrechte: sie durften Waffen tragen und brauchten nicht die Dhimmi zu zahlen, eine Abgabe, die alle Bürger anderen Glaubens als Kopf-Steuer zu zahlen hatten.

      Der Übertritt zum Islam wurde aber aus staatspolitischen Gründen nicht unbedingt begrüßt, weil die Renegaten nach den Geboten des Koran unbeschränkte Bodenbesitzrechte und geringere Steuerzumessung zugestanden bekamen, welche damit der Staatskasse verloren gingen. Die Araber zogen es in der Praxis vor, als Oberschicht über möglichst viele steuerzahlende Heloten anderen Glaubens zu herrschen. Trotzdem wurde der Glaubensübertritt nicht verwehrt und viele Christen nahmen diese Möglichkeit wahr, da die Vorteile unübersehbar waren. Diese Renegaten, die mit einem arabischen Wort Muwallad, d.h. "adoptiert", genannt wurden, trafen es jedoch nicht immer so gut, wie sie es sich zunächst erhofft hatten und saßen oft zwischen allen Stühlen, denn die Araber und Berber betrachteten die neuen Gemeindemitglieder mißtrauisch als verkappte Ungläubige und ihre ehemaligen Mitchristen beschimpften sie als vom Teufel verführte, verlorene Seelen. Mit dem Glaubensbekenntnis erhielten sie wohl Zugang zum verheißenen Paradies des Propheten, aber nicht zur exklusiven arabischen Aristokratie. Sie hatten bald das Gefühl durch die Annahme des neuen Glaubens nichts gewonnen zu haben und bildeten eine Gruppe Unzufriedener, die durch diesen Identitätsverlust in späteren Zeiten zu einem leitenden Potential von Frustration und Unzufriedenheit wurde, das sich in bürgerlichen Unruhen Luft machte.

      Die von den Westgoten unterdrückten Juden, die Sepharadim, begrüßten die Moslems als glaubensverwandte Befreier und halfen ihnen bei der Eroberung der Städte und der Umorientierung der städtischen Gesellschaft. Als Dank für ihre Dienste erhielten sie die Freiheit von Person und Gewerbe, genossen - im Gegensatz zum christlichen Rest-Europa - volles bürgerliches Recht und durften den mosaischen Gesetzen gemäß leben. Die Kirche hatte in den Juden wegen ihrer monotheistischen Religion und der Ablehnung der Dreifaltigkeit Gottes eine gefährliche spirituelle Konkurrenz gesehen, weshalb die Judengesetze von Konzil zu Konzil verschärft worden waren und die Westgoten fanden schließlich seit dem Übertritt ihres König Rekkareds zum Christentum 587 genug religiöse Vorwände zu Unterdrückung und materieller Ausplünderung mosaischer Familien. Obwohl ihr Anteil kaum ein Prozent der Gesamtbevölkerung betrug, gehörten sie durch ihre Handelsgeschäfte, hauptsächlich mit Sklaven und Gold zu den wirtschaftlich potentesten Gruppen in Spanien und durch die günstigeren Verhältnisse in denen sie nun leben konnten und keinen Verfolgungen und Beschränkungen mehr ausgesetzt waren, trugen sie viel zum Aufblühen spanischer Städte bei - und dank der ökonomischen Überlegenheit mancher Familienclans spielten sie auch bald auch in der Politik eine wichtige Rolle. Da sie fest verwurzelt in ihrer Religion waren übernahmen sie kaum etwas von der maurischen Kultur; trugen ihrerseits aber in Wissenschaft und Philosophie viel dazu bei. - Ihre neue Freiheit in Spanien wurde in späteren Jahrhunderten von der jüdischen Geschichtsschreibung als die "Goldene Diaspora" bezeichent - und Synagogenbauten bis in die Neuzeit wurden in Erinnerung daran oft im "Maurischen Stil" dekoriert und erbaut.

      Auch die ländlichen Gesellschaften wurden nach eigenen Maßstäben umorganisiert: In den eroberten Distrikten wurden zuerst Adel und Kirche enteignet und das Land zur Bestellung unter den Eroberern für militärische Verdienste verteilt. Außer den seit alters her bekannten Gemüse- und Getreidesorten und Oliven, Feigen und Weinreben wurden in den Huertas (Nutzgärten) und Vegas (Fruchtebenen) nun neue Pflanzen aus dem Orient angepflanzt: Zuckerrohr, Reis, Auberginen, Spinat, Artischocken, Spargel, Aprikosen, Bananen, Baumwolle, Orangen, Limonen und Zitronen und natürlich die Dattelpalmen, die den islamischen Eroberern als erste Pflanze und wichtiges Grundnahrungsmittel in die neuen Länder gefolgt war. Es entstand bäuerlicher Klein- und Mittelbesitz, weil freigelassene Sklaven und ehemalige leibeigene Bauern bleiben durften, wenn sie als Pächter die Felder bestellten. Dafür mußten sie jedes Jahr einen Teil der Ernte an die neuen Besitzer abführten, die eine neue Araber-Aristokratie zu bilden begannen. In dieser Hierarchie nachgeordnet waren die Mawali, Personen, die unter dem persönlichen Schutz eines einflußreichen Muslims standen. Eine dritte Gruppe bildeten die andersgläubigen Bauern, dann folgten die Sklaven; meist ehemalige Kriegsgefangene.

      Bei ihnen machte sich der Übergang zu den neuen Verhältnissen am entscheidensten bemerkbar. Unter den westgotischen Herren waren sie jeder Willkür preisgegeben, bei der selbst geringste Vergehen blutig bestraft wurden. Der Islam erkennt zwar, die Sklaverei an, aber der Koran gebietet auch die rücksichtsvolle Behandlung von Sklaven und Untergebenen. Sklaven konnten sich durch Arbeit freikaufen oder auf die Milde ihres Herrn spekulieren, denn es galt als Verdienst vor Allah einem Sklaven die Freiheit zu schenken. Wurde ein Sklave schlecht behandelt hatte er die Möglichkeit vor eimem Gericht seinen Herrn anzuklagen. Oder er bekannte sich zum Islam, weil unter Umständen auch dadurch die Freiheit erlangt werden konnte. In der Folge waren sie bis zum Ende der arabischen Herrschaft in Spanien die treuesten Gefolgsleute der Mauren. - So entstand ein Neben- und Miteinander von Bevölkerungsgruppen, die einander ständig durchdrangen.

      Formell unterstand Spanien in der ersten Hälfte des 8. Jhdts. dem omaijadischen Kalifen Hîshâm (724-743) in Damaskus, praktisch aber dem Emir Ibn Abdallah in Nordafrika. Darin liegen auch die Ursachen für die inneren Machtkämpfe und Gegensätze zwischen Moslems und Einheimischen die den Islam angenommen hatten. Hinzu kamen theologische Reibereien zwischen Arabern und aus Nordafrika zugewanderten Berbern, die bisher das Rückrat der kämpfenden Truppen gebildet, sich aber nun sozial benachteiligt und durch die arabischstämmige Aristokratie bevormundet fühlten. Dazu kam, daß nach ihrer Koranauslegung die Gemeinde über dem Kalifen steht und er der Gemeinde in seinen Entscheidungen folgen muß. Nach nomadischer Tradition hatten sie die Stammesbindungen nach Nordafrika aufrecht erhalten und als die nordafrikanischen Berber einen Aufstand gegen den Kalifen anzettelten, folgten die Stammesbrüder in Spanien ihrem Beispiel. Der Aufstand konnte zwar 740 niedergeschlagen werden, aber schon nach kurzer Befriedung und Parteienvergleich kam es zu neuen Auseinandersetzungen.





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      In dieser Situation - 44 Jahre nach Tariqs Landung - begann eine neue Phase der spanisch-arabischen Geschichte, denn im Jahre 755 kam Hilfe aus Damaskus nach Spanien in Form eines Flüchtlings, den hier niemand erwartet hatte ... - Zur Vorgeschichte: 747 hatten die Schiiten in Chorassan unter Führung von Abu Muslim einen Aufstand entfacht. Persien wurde im Handstreich genommen und Syrien angegriffen. Der Krieg endete 749 mit dem vollständigen Sieg des ersten Abbassiden und Dynastiegründers Abu al-Abbas, genannt as Saffah - "der Schlächter" - der sein Geschlecht von Abbas, dem Onkel Mohammeds herleitete und daraus einen Herrschaftsanspruch ableitete. Nachdem 750 ein Friedensvertrag ausgehandelt worden war wurde bei einem Festmahl in Damaskus fast die ganze geladene Omaijadensippe von Abbas' Soldaten, die den Palast umstellt, abgeriegelt und gestürmt hatten, regelrecht abgeschlachtet, wie syrische Quellen erzählen. Man wollte sich mit diesem Massaker der unliebsamen Konkurrenz und potentiellen Meuchelmördern entledigen und die eigene Macht festigen. Nur wenige konnten dem Gemetzel entfliehen und die Abbassiden begannen einen regelrechten Ausrottungskrieg gegen die Überlebenden und Entkommenen.

      Nachdem der letzte Omaijaden-Kalif Marwan II. auf der Flucht in Ägypten ermordet worden war, schaffte es nur der jüngste Enkel des vorherigen Kalifen Hîshâm, Abd ar-Rahman Ibn Mu'awija, nach jahrelanger Odyssee und unter abenteuerlichen Umständen 755 nach Spanien zu gelangen, wo er sich unter den aufständischen Berbern relativ sicher fühlen konnte. Mit Hilfe verschiedener, den Omaijaden verpflichteter Berberhäuptlinge eroberte er 756 Sevilla und kurz darauf Córdoba, welches er zu seiner Residenz machte, nachdem er den eingesetzten Emir Jusuf al-Fihiri vertrieben hatte. Unter Abd ar-Rahman und seinen Nachfolgern wurde bis 976 das eigentliche islamische Spanien geschaffen.

      763 befand sich Toledo im Aufstand, was der Abbassiden-Kalif al-Mansur zur Intervention nutzen wollte und Gesandte ausschickte, um mit Hilfe unzufriedener Berber und Araber Abd ar-Rahman zu stürzen. Die Mission scheiterte und die eingesalzenen Köpfe der Aufrührer wurden dem Kalifen als prächtiges Geschenk aufgemacht, nach Baghdad geschickt. Ab diesem Zeitpunkt wurde der letzte Omaijade in Spanien in Ruhe gelassen. Er gründete eine neue Dynastie und nannte sich selbst Abd ar-Rahman I., sagte sich von der abbasidischen Regierung in Baghdad los und schuf zum Selbstschutz ein stehendes Heer von 60.000 Mann. Mit der Annahme des Titels Emir tastete er die religiöse Oberhoheit des Kalifen nicht an, übernahm aber zusätzlich den Titel Amir al-muminin, d.h. "Beherrscher der Gläubigen", was die Stellung als Vorbeter beim Freitagsgebet in der Hauptmoschee beinhaltet, aber auch die Heerführung im Kriegsfalle und damit dem Kalifen fast gleichgestellt ist.

      Nach seinem Tode 788 konnte Abd ar-Rahmans Sohn Hakâm I. ein geeintes Spanien übernehmen. Unter seiner Regierung bis 822 kam es zum ersten großen Aufstand der Faqi, koranische Rechtsgelehrte, die das ausschweifende Hofleben kritisierten. Die Muwallad schlossen sich ihnen an. 807 wurde die Opposition auf der Burg al-Qasr in Toledo in einem fürchterlichen Blutbad erstickt. Die letzten 8.000 aufständischen Familien wurden nach Fes, Alexandria und Zypern verbannt, wo heute noch sogenannte "spanische Stadtviertel" an diesen Exodus erinnern. - Spanien blieb aber weiterhin auf die Zusammenarbeit mit dem unruhigen Nordafrika angewiesen, weil hier der Endpunkt der Karawanenstraßen war, die den Lebensnerv der islamischen Welt bildeten: 801 war die Provinz Ifrika (Tunesien, Algerien, Lybien) abgefallen und in Marokko hatte sich Idris II. (804-828) losgesagt und einen unabhängigen Berberstaat gegründet. 827 besetzten die tunesischen Aghlabiten Sizilien, wo sie sich bis 1091 halten konnten.

      Zu dieser Zeit starb in Baghdad der populäre Kalif Harun al-Raschid (796-809). Nach seinem Tod begann das Abbassidenreich, das unter ihm eine letzte Blüte erlebt hatte, zu zerfallen. Unter seiner Herrschaft hatte sich eine strenge, erkenntnisorientierte Wissenschaft gebildet, die mit der Gründung gelehrter Schulen einherging. Seine glänzende Hofhaltung war Vorbild für seine Nachfolger und die Provinzstadthalter und erregte am christlichen Hof Karls des Großen, mit dem er enge Handels- und Diplomatische Kontakte gepflegt hatte Erstaunen. In diese Zeit und die Regierung des nachfolgenden Kalifen al-Amin (809-813) fällt auch die Zeit der klassischen islamischen Kunst. Hier kam es zur Verstärkung asiatischer Einflüsse in Kunst und Kultur und zur Konjunktion kultureller Einflüsse durch die Verfügbarkeit griechischen und hinduistischen Gedankengutes. Durch die sozialen Wandlungen (z.B. Ausweitung der etnischen, intellektuellen und ökonomischen Patronage im Bereich von Kunst und Wissenschaft) wurden Darstellungen von Lebewesen im Dekor, wie sie noch im frühmittelalterlichen Islam üblich waren immer seltener und fehlen schließlich ganz.

      Spanien betrieb zwar schon eine eigene, unabhängige Politik, orientierte sich aber kulturell und künstlerisch weiterhin am Leitstern der islamischen Welt, dem Kalifenhof in Baghdad, dem man nicht nur in Staats- und Hoforganisation nacheiferte, sondern auch auf dem Gebiet der dekorativen Kunst. Das gilt nicht nur für die Dekoration der Kleinkunst, sondern auch für die Dekoration der architektonischen Großform, die vom islamischen Standpunkt aus als Träger des Ornaments, angesehen wird, dessen Vorbilder man im Osten fand. Das zu dekorierende Bauwerk selbst wurde - weil für die Aussage zweitrangig - im ganzen islamischen Großreich nach örtlichen Traditionen errichtet. Mit asylsuchenden Flüchtlingen aus Baghdad kamen auch fremde Dekorationselemente in die spanisch-islamische Welt: z.B. die bunten, glasierten Kacheln; spanisch: Azulejos; der Iwan-Hof, ein tonnenüberwölbter Raum, dessen eine Wand sich auf der ganzen Seite zum Innenhof öffnet; die Murquanas, aus Zellenwerk aufgebaute Ornamente, die stalaktitenförmig in den Raum greifen; Rautennetze als Flächenornament und Gartenanlagen mit fließenden Gewässern und Wasserbecken als Mittelpunkt. - So spiegelt auch die spanisch-arabische Kunst bis ins ausgehende 10. Jhdt. die Frühphasen der ostislamischen Kunst erstaunlich getreu wieder.

      Im gleichen Jahr als Abd ar-Rahman II. den Thron bestieg, 822, wurde der Hofmann Zirijab aus Baghdad verbannt. In Córdoba fand er wie schon viele Verfolgte vor ihm Aufnahme und wurde bald zum engsten Vertrauten des Hofes und zur obersten Instanz in allen Fragen der Etikette und des guten Geschmacks. Nach arabischen Quellen sollen er und andere Vertriebene vom Kalifenhof, die hier Zuflucht gefunden hatten viele Lebensweisen und Traditionen eingeführt haben, wie Details der Kleidung, Essenszubereitung, Trinkgewohnheiten, Dichtung, Gesang und Musik. In Sevilla gründete er eine Musik- und Tanzschule über die sich bis heute arabische Harmonien und Bewegungsbilder im Flamenco erhalten haben. Außerdem soll er die arabischen Instrumente Ulud (Laute) und Qitar (Gitarre) eingeführt, sowie Tambourin und Castagnetten in die spanische Musik integriert haben.

      Unter Abd ar-Rahman II. oblag die Regierung hauptsächlich der Haremsfavoritin Tarub und ihres Obereunuchen Nasr. Der Druck den sie auf die Bevölkerung ausübten führte in Córdoba zu einer christlichen Märtyrerbewegung die den kollektiven Märtyrertod suchte, indem sie Allah öffentlich schmähten. Nach dem Dhimmi-Recht genossen die Christen aber Glaubensfreiheit. Das Ziel dieser Bewegung, der Freitod zu Ehren Gottes, erschien den Muslimen völlig absurd und trotz aller Schlichtungsversuche der Kadis (Richter) bestanden die Festgenommenen auf Vollstreckung der Todesstrafe, damit sie die Seeligkeit erlangen könnten. Die Bewegung konnte erst durch Intervention des Papstes zum Stillstand gebracht werden - aber die erlittene Demütigung der Christen machte böses Blut und gärte im Unterbewußtsein weiter. - Im letzten Jahr der Regierung Abd ar-Rahmans II. plünderten die Wikinger 825 Sevilla. Von einer arabischen Gesandtschaft, die daraufhin den Hof ihres Königs in Haithabu besuchte sind Beschreibungen des Lebens der Wikinger erhalten, die - von Arabern gesehen - bis heute unser Bild von ihnen prägen.

      Nach einer Zeit innenpolitischer Wirren kam Abd ar-Rahman III. (912-961) an die Macht und wurde der achte und wohl glänzendste Herrscher des Emirates von Córdoba. Während seiner 49jährigen Herrschaft versöhnte er den regionalen Araberadel, die Berber und die Muwallad miteinander. Er war der Sohn einer Nebenfrau seines Vaters, einer fränkischen Sklavin und Enkel einer baskischen Prinzessin. Er wird von den zeitgenössischen Chronisten als rotblond und blauäugig beschrieben und ist so ein gutes Beispiel für die von den Arabern betriebene Mischungspolitik, denn sie suchten bald nach Abschluß der Eroberungen Kontakt zu den Einheimischen. Einheiraten in die ansässige Bevölkerung waren üblich, weshalb das Arabertum in Spanien bald eine Frage der geneaologischen Selbstdefinition des Einzelnen war.

      Um den Sippen gerecht zu werden organisierte er das Land in drei neue Hauptdistrikte, die der Zentralregierung unterstanden: In der Mitte Córdoba, Granada, Malaga, Almeria, Jaén und Toledo; im Westen Sevilla, Jerez, Gibraltar, Tarifa, Badajoz, Merida, Lissabon, Silves und im Osten Saragossa, Valencia, Murcia, Cartagena, Albacete. Die christlichen Nachbarn waren tributpflichtig; als Gegenleistung verzichtete Córdoba auf die üblichen Razzien. Nach Süden hatte man sich gegen die Expansionspolitik der 901 eingefallenen schiitischen Fatimiden zu behaupten die ab 921 die andalusische Vorrangstellung im Maghreb zurückdrängten und Marokko bis auf Tanger und Ceuta erobert hatten.

      926 ersetzte Abd ar-Rahman den Titel Emir, den seine Vorgänger trugen durch Kalif und ließ sich zum "Herrscher aller Gläubigen" ausrufen, um anzuzeigen, daß er sich und Spanien von Bagdad gelöst hatte. Mit diesem bewußten Bruch mit der Einheitstradition sollte kundgetan werden, daß Córdoba nun selbst zur ernstzunehmenden Großmacht aufgestiegen war. Widerspruch auf diese politische Demonstration blieb aus weil die Abbassiden praktisch keine Macht mehr besaßen. Parallel dazu baute er ein neues Söldner-Heer aus gekauften Kriegssklaven, den Saqalib aus dem germanischen und slavischen Osten auf. Da diese Sklaven schon als Kinder gekauft wurden, konnten sie leicht erzogen und islamisiert werden und wurden so zu den treuesten Gefolgsleuten der Kalifen - eine Politik, die die türkischen Sultane mit den Janitscharen etwa 600 Jahre später ebenso betrieben.

      Um die Gläubigen enger an sich zu binden ließ er Córdoba als alternativen Wallfahrtsort zu Mekka gelten, was der Stadt natürlich ungeheuren wirschaftlichen Aufschwung brachte. Er wolle den Gläubigen den weiten Weg ersparen hieß es; in Wirklichkeit aber wollte er die auf der iberischen Halbinsel lebenden Moslems zu einer vom Orient losgelösten Einheit machen. So ließ er verkünden, der Erzengel Gabriel habe ihm - wie schon Mohammed - befohlen eine große Moschee zu bauen. Auf dem Gelände der den Christen für 100.000 Dirham abgekauften San Vincento Kirche wurde die neue Moschee erbaut. Damit orientierte man sich bewußt an alten Traditionen aus Damaskus, denn auch die Große Omaijadenmoschee war eine, den Christen abgekaufte Johannes-Basilika gewesen. Im Zuge der religiösen Bedeutung die die Stadt nun gewann, wurde 785 der Grundstein zur großen Freitagsmoschee Masdschid al-djama, der "Mezquita", gelegt. Diese fromme Stiftung sollte ihm auch einen Platz im Paradies sichern, denn nach dem Koran erreicht der den Himmel schneller der eine Moschee errichtet. - Als Kalif konnte Abd ar-Rahman III. den Untertanen besseren Schutz gewähren und neue Bestimmungen erlassen: Unter seiner Herrschaft wurden erstmals die verschiedenen spanischen Volksgruppen Teile der arabisierten, christlichen Bevölkerung - die sogenannten "Mozaraber" - die islamischen Mauren - "Moros" und die mosaischen Juden vereinigt. Mit dem Abfall Córdobas von Baghdad entstand so eine geschlossene Kultur, die sich nun in der Auseinandersetzung zwischen Christentum und Islam ungestört entwickeln konnte. Dank der fruchtbaren Zusammenarbeit aller Bevölkerungsteile, die einander respeketierten stieg das maurische Spanien zum reichsten und am dichtesten bevölkerten Land Europas auf. Er führte siegreiche Kämpfe gegen die Christen im Norden sowie gegen die marokkanischen Berber, die es beide auf das fruchtbare Land abgesehen hatten.

      Mit der Annahme des Titels Kalif wurde auch eine zeit- und standesgemäße Residenz notwendig, weshalb Medina az-Zahra, die "Stadt der Blume" in der Tradition der Abbassiden-Residenzen 936 außerhalb der Stadt auf einem Hügel gegründet wurde, wo Abd ar-Rahman sich in den Sommermonaten, arabischen Traditionen folgend, aufhielt und ein Nomadenleben führte. In der abgestuften Anlage erinnert die Medina an die Residenzen von Raqqa und Samarra; in Aufbau und Funktion an den jüngeren Topkapi-Palast in Istanbul, der auch eine eigenständige Stadt bildete, mit mehr oder weniger öffentlichen Höfen und dem verschlossenen Harem, der der Privatsphäre des Sultans, seinen vier legitimen Frauen mit ihren Kindern, der Sultansmutter und den Scharen von Dienerinnen und Eunuchen vorbehalten war. Berichte abendländischer Gesandter geben ein buntes Bild vom Leben in der Medina wieder, die aber schon vierzig Jahre nach ihrer Erbauung 1010 von aufständischen Berbern völlig zerstört wurde.

      Auch um die Entwicklung der Landwirschaft soll sich Abd ar-Rahman bemüht haben. Er gründete das Tribunal de las Aguas, das die Verteilung des Wassers an die Bauern regelt und Streitigkeiten darüber schlichtet. Das System dieser Wasserkanäle stammt von den Römern und wurde von den Arabern übernommen und weiterentwickelt. Die sagenhafte Fruchtbarkeit der Huertas, die die Stadt reich machte stammte aus dem Bau eines Bewässerungsystems nach nordafrikanisch-syrischem Vorbild, welches heute noch unverändert in Berieb ist. So ist die Bewässerungstechnik mit Wasserschöpfräder, den Norias und Gräben die noch heute das Bild prägen, eine arabische Erfindung, die den Bedürfnissen der Landschaft angepasst auf mathematischen und physikalischen Kenntnissen beruht, auch in Spanien zum Einsatz gekommen. Zur jählich neuen Bodeneinteilung und Landvermessung dienten angewandte Trigonometrie und Algebra und - beides arabische Erfindungen - denen sich bald auch die christlichen Nachbarn gern bedienten.

      Gegen Ende der Regierung Abd ar-Rahmans, um 961, war Córdoba die volkreichste und wohlhabenste Stadt Europas. Spanien galt als Heimat des feinen Lebensgenusses und hoher wissenschaftlicher und künstlerischer Tätigkeit und das Kalifat von Córdoba war der Inbegriff des irdischen Paradieses. Die dichtende Nonne Roswitha von Gandersheim nannte sie "strahlender Schmuck der Erde ... überall von Reichtum glänzend". Nach arabischen Quellen soll die Stadt um 1000 eine halbe Million Einwohner gehabt haben, 113.000 Häuser, 80.455 Läden im Suk, 300 Moscheen, 50 Hospitäler und 900 öffentliche Bäder. - Selbst wenn die Angaben übertrieben sind, muß Córdoba doch eine für die damalige Zeit außerordentlich beeindruckende Stadt gewesen sein, die beispielhaft für das hohe kulturelle Niveau Spaniens im zweiten Drittel des 10. Jahrhunderts war. Auch für europäische Reisende gab es viel Unbekanntes. Sie berichteten von gepflasterten Straßen, die des Nachts beleuchtet waren, von Wohnhäusern, die mit fließendem Wasser ausgestattet waren und von Kristallglas, das die Gold- und Silberbecher als Trinkgefäße verdrängt hatte; ebenso von den teuren Gewürzen, die hier angepflanzt wurden wie Zimt, Safran, Koriander, Ingwer, Muskat und Nelken, die aus al-Andalus ins mittelalterliche Europa gelangten, wo sie die Speisen verfeinerten und den Staatsschatz Córdobas erheblich bereicherten. Die Einnahmen allein dafür sollen jährlich bei 6 1/2 Millionen Golddirham gelegen haben - für die damalige Zeit eine fast unglaubliche Summe!

      Hakâm II. (961-976) setzte die Politik seines Vaters fort und machte Córdoba, das "Siegel der Schönheit", darüberhinaus zum intellektuellen Mittelpunkt Europas. Die Förderung der Wissenschaften war sein besonderes Anliegen. So gründete er 20 öffentliche Bibliotheken, 80 Schulen, 17 höhere, von der Moschee unabhängige Lehranstalten und 27 Volksschulen - alle öffentlich und unentgeldlich für jeden zugänglich, der Lesen und Schreiben lernen wollte. Die Gleichheit aller im irdischen Dasein führte auch zur Teilnahme aller an den Wissenschaften, sodaß unter dem Schutz des Staates Christen, Juden und Muslime zusammenarbeiteten und die Wissenschaften bereicherten. Hakâm selbst war ein anerkannter Gelehrter, dessen Bibiothek über 400.000 Bücher umfaßt haben soll, von denen er viele selbst kommentiert hatte. Außerdem baute er die Universität der Mezquita aus, die mit ihrem Angebot Studenten aus der ganzen islamischen Welt anzog und lud nahmhafte Gelehrte an seinen Hof zum Disput ein. Das griechische und römische Erbe, das im christlichen Europa vergessen oder als Teufelswerk verdammt war, wurde gepflegt. Man betrieb besonders die Disziplinen Philosophie, Recht, Medizin, Chemie, Mathematik, Physik und Astronomie in Theorie und Praxis. Heute noch bekannte Lehrer dieser Zeit waren Abu'l-Maslama, der Mathematiker und Astronom, der das Astrolabium erfand, das Seefahrten mit Standortbestimmung ohne Landsicht ermöglichte - ohne das die Fahrten von Columbus oder Vasco da Gama nicht möglich gewesen wären, bis hin zu Al-Idrisi, der hier studiert hatte und 1139 in Sizilien für König Roger II. eine Beschreibung der Welt mit 70 Karten anfertigte und dafür heute noch als größter Geograf des Mittelalters gilt.

      Die Stadt machte sich auch einen Namen als Buchproduzent, denn die Araber, die im 8. Jhdt. von chinesischen Kriegsgefangenen die Papierherstellung kennengelernt hatten, verbreiteten dieses Wissen über die Karawanenstraßen, wo es auch Spanien erreichte und zur Zeit Hakâms hier besonders intensiv genutzt wurde. So zeigte beispielsweise Abu'l-Qasim ("Abulcasis"), der Hofarzt Hakâm II., in seiner medizinischen Enzyclopädie genaue Abbildungen des sezierten menschlichen Körpers, was in den christlichen Ländern zu erregten Diskussionen führte, weil es hier verboten war den menschlichen Körper zu Öffnen und man das Abgebildete nicht begreifen wollte, da es der christlich-theologischen Lehrmeinung widersprach. Durch die Bücherexporte begann wiederum das Interesse des christlichen Europas an arabischer Wissenschaft zu erwachen und von den diskutierten Erkenntnissen fanden viele arabische Worte Eingang in die europäischen Naturwissenschaften Mathematik, Astronomie und Medizin, wie man heute noch an manchen Lehnworten feststellen kann. - Dies und anderes wurde zur Grundlage, die die Stadt bis zum 12. Jhdt. zur Pflegestätte der Naturwissenschaften werden ließ.

      Mit Hîshâm III. (976-1013) endet das Omaijaden-Kalifat in Spanien. Seine Amtszeit war eine Groteske: Als 10jähriges Kind, nach dem Tod des Vaters auf den Thron gesetzt verschwand er sofort nach der Machtübergabe wieder im Harem. Für ihn regierten seine ehrgeizige Mutter Subch, eine baskische Prinzessin, und ihr Liebhaber Muhammed Ibn Abi Amir, genannt Almansor, d.h. "der Siegreiche", von den Christen aber der "Schrecken der Hölle" genannt, weil er eine Reihe Angriffe gegen die christlichen Staaten des Nordens und Nordostens inszenierte, die in der Zerstörung Barcelonas und Leóns (985) und St. Jago de Compostelas (997) gipfelten. Seine 57 Razzien waren die letzten erfolgreichen Feldzüge in christliche Gebiete und gegen das fatimidische Marokko. Er rekrutierte neue Berberheere, weil sie ihm williger folgten als die Einheimischen und die Saqalib. Außerdem stellte er die Mezquita in ihrer heutigen Form fertig. - 1002 starb Almansor und sein Bruder regierte für ihn bis 1008. 1009 kam kam es zum Bürgerkrieg, als sich die von Almansor ins Land geholten Berber in die Nachfolgestreitigkeiten einmischten. 1013 wurde Hîshâm noch einmal aus dem Harem geholt und erneut als Kalif ausgerufen um die streitenden Parteien zu befrieden; kurz danach verschwand er auf geheimnisvolle Weise - und weil sein Leichnam nie gefunden wurde ging das Gerücht, er sei als Bettler verkleidet geflohen, um nach Damaskus, der Heimat seiner Vorfahren zurückzukehren.





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      Das andalusische Kalifat von Córdoba wurde nach dem Verschwinden Hîshâms III. aufgelöst und zur Republik erklärt; der ehemalige Herrschaftsbereich zerfiel in mehr als 20 Emirate die sogenannten Reyes de Taifas, die sich - je nach Herkunft - den Titel Muluk, d.h. "König" oder Kalif zulegten und hauptsächlich damit beschäftigt waren, einander zu bekämpfen. So suchten sie oft bei den christlichen Nachbarn im Norden um Söldnertruppen nach. Ihre glanzvollen Hofhaltungen speisten sich aus der Erinnerung an das Kalifat von Córdoba und die Hofhaltung der Abbassiden, die man als Vorbild sah. Die Unsummen Geldes, aber die sie verschlangen, wurden durch drückende Steuerlasten und Abgabensysteme finanziert, unter denen die Bevölkerung zu leiden hatte. Besonders die radikalen Faqi in den Moscheen geißelten Prunksucht, herrschende Rechtsunsicherheit und Zurückdrängung koranischer Vorschriften und Libertinage an den Höfen und schürten den Unmut der Bevölkerung.

      Das politische Schwergewicht ging zu dieser Zeit allmählich auf Sevilla über. Hier war 1023 der Widerstand gegen die Berber so groß geworden, daß sie die Stadt verlassen mußten und der amtierende Kadi Ibn Abbad, ein Jemenite, auf Wunsch der Bürgerschaft die Macht übernahm, die bis 1091 über drei Generationen in der Abbadiden-Familie blieb. Daneben begann nun auch das seit 1019 von der Berbersippe der Ziriden beherrschte Granada seinen Aufstieg. Hier waren mittlerweile die Juden so zahlreich geworden, daß sie die völlige Gleichstellung mit den Moslems erzwingen konnten. Während des Wesirats Samuel ha-Levi's unter Badis (1038-1073) wurde es so erstmals selbstverständlich, das Juden im arabischen Heer kämpften. - Es war auch die Zeit des berühmten spanischen Nationalhelden Don Ruy Diaz de Vivar, genannt "El Cid". Sein Beiname ist die spanische Verballhornung des arabischen Sajid, d.h. "Herr" und seine Geschichte ist die eines Grenzgängers zwischen den Kulturen, wie es sie in dieser Zeit oft gab. 1081 wurde er von König Alfons VI. wegen Ungehorsam verbannt und stellte sich daraufhin unter arabische Dienste, wo er auf arabischer Seite 1098 bei der Verteidigung Sevillas starb.

      Die von Almansor angegriffenen christlichen Königreiche und Grafschaften im Norden hatten sich nach dessen Tode 1010, als sie die innere Zerissenheit des Maurenreiches registrierten vereinigt und begannen ab 1032 zurückzuschlagen. Die täglich deutlicher werdende militärische Schwäche der Klein-Reiche führte zu immer tieferen Einbrüchen christlicher Heere: 1057 rückten sie gegen Badajoz vor; 1062 gegen Toledo, Sevilla und Valencia. Alfons VI. (1072-1109) vereinigte Kastilien, León und Galicien und nahm 1085 Toledo ein, was bei den Mauren ungeheuren Schrecken hervorrief, da die Stadt bis dahin als uneinnehmbar galt. Der Tajo bildete nun die südliche Grenze. Als Toledo fiel, wurde das zum Alarmsignal, das zum Eingreifen der nordafrikanischen Almoraviden führte. Treibende Kraft in der nun entstandenen Allianz zwischen Königen und Moscheen wurde al-Mutamid Muhammed, König von Sevilla. Er konnte die Teilkönige zu einer Einigung bewegen, und Sultan Yûsuf Ibn Taschfin zu Hilfe gegen die Christen rufen. Die arabische Aristokratie allerdings verachtete die Fremden aus den Atlas-Bergen, während Geistlichkeit und Volk sie als Bewahrer der Tradition und Befreier feierten.

      Die Berber, nannten sich al-murabitun, d.h. "Bewohner der Kaserne" - spanisch: Almoraviden. Sie waren Mitglieder einer fundamentalistischen islamischen Sekte mit politischen Ambitionen. 1048 hatte Abdallah Ibn Jasin, ein Häuptling der Lemtuma-Tuareg nach einer Pilgerreise nach Mekka auf einer Insel im Niger ein Soldatenkloster gegründet und predigte dort den Dschihad. Bis 1061 war die Bruderschaft so mächtig geworden, das Taschfin, ein Zögling des Ordensgründers bald die Herrschaft über ganz Marokko und Algerien übernehmen konnte. Die Berber ergriffen die Gelegenheit und schlugen die Christen unter Führung von Alfons VI. 1086 bei Zallaqa, nördlich Badajoz, vernichtend und eroberten fast das ganze Gebiet bis zum Tajo und Ebro zurück. Ihre besondere Stärke war eine neue Form der Kriegführung bei der um eine starke Kerntruppe der Infanterie die mit langen Lanzen ausgerüstet war, Bogenschützen aufgestellt waren. Das hatte nichts mehr mit der alten Razzia-Technik zu tun. An der Standfestigkeit und Geschlossenheit dieses Kampfblocks zerschellte jeder Angriff.

      Nachdem Taschfin in Marokko regionale Unruhen niedergeschlagen hatte, kehrte er 1090 zurück und eroberte Spanien für sich. Er ließ eine fatwa, eine religiöse Erklärung, von theologischen Autoritäten verfassen - darunter al-Ghazali, einer der großen islamischen Religionstheoretiker des Mittelalters - in der die Teilkönige des Landesverrats und Wohllebens angeklagt wurden. Sie wurden entthront und ihr Sprecher al-Mutamid nach dem Fall Sevillas 1091 nach Marrakesch verschleppt, wo er bis zu seinem Tode 1095 mit seinem Liebhaber, dem Wesir Ibn Amar (denn Homosexualität wird vom Koran ausdrücklich toleriert) und seiner Favoritin Itimat, einer ehemaligen Sklavin, eingekerkert blieb. Sie gehören zu den romantischsten Liebespaaren des alten al-Andalus, von denen es viele Volkssagen und Lieder gibt.

      Die neue Hauptstadt des nun wiedervereinigten Spanien war das 1062 als Regierungssitz der Almoraviden gegründete Marrakesch. Die Berber-Herrscher über Spanien waren - ebenso wie die nachfolgenden Almohaden - bedeutende Moscheegründer z.B. der großen Moscheen von Algier (1096) und Tlemencen (1136). Der starke Zustrom Gelehrter und Kunsthandwerker aus Córdoba in die neue Hauptstadt führte zu einer Hispanisierung Nordafrikas. Hier flossen die neuen Anregungen aus Spanien ein: das Doppelfenster Ajimenez und das Ornament der übereinander gestellten Kleeblattbögen, in einem neuartigen eingeschossigen Stützensystem mit Arkaden, Backsteinverwendung an den Pfeilern, Murqanas an den Maqsura-Kuppeln und den hier allerdings im Scheitel gebrochenen Hufeisenbögen wie es bei der Giralda und der Kuttubiya, und später noch bei der Alhambra vorhanden ist.

      Im gleichen Jahr wurde die normannische Rückeroberung Siziliens vom Islam beendet und Malta ergab sich Roger I. - Auf christlicher Seite begann nun - ein Menschenalter vor den Palästina-Kreuzzügen - der Kreuzzugsgedanke eine zunehmende Rolle zu spielen, denn der Papst gewährte jedem Ritter Ablaß, der den Unglauben in Spanien bekämpfte. Die siegreichen Kämpfer wiederum führten die eroberten Annehmlichkeiten des sündigen Heidenlebens mit sich über die Pyrenäen nach Hause: golddurchwirkte Stoffe, Glas und Porzellan, Teppiche, Seide und Damast, Einlegearbeiten und Mosaike, Schmiedearbeiten und riesige Mengen von Gold und Sklaven und Sklavinnen aller Hautfarben, was die Begehrlichkeiten gegenüber dem Osten weiter anstachelte, denn aus dem Orient bezog das mittelalterliche Europa seine Luxusgegenstände und Kostbarkeiten.

      Der Kontakt und längeres Miteinander hinter und außerhalb der Schlachtfelder führte durch die Begegnung von Christen und Moslems auch zur schnellen Verbreitung östlicher Technik und Kunst. Die abendländischen Ritter übernahmen die verfeinerten Hofsitten und den arabischen Ehrenkodex. Die Kampfformen vor und während der Schlacht wurden nach den Regeln der Ritterlichkeit neu geordnet. Auch das Schachspiel, das die Araber aus Indien mitgebracht hatten fand seinen Weg nach Europa, wie auch die Kunst der Reimverschlingung aus der spanisch-arabische Metrik die Troubadourdichtung, den provencalischen Minnesang und die italienische Dichtung beeinflußt hat - denn Lobgesänge auf die Schönheit der Frau gehören nicht erst seit Salomo und Mohammed zum festen Bestandteil orientalischer Dichtung und Literatur, die neben Schachspiel und Kalligraphie die vornehmste Freizeitbeschäftigung des arabischen Adels war.

      1106 starb Taschfin. Seine Nachfolger besaßen nicht die Härte die Berbergouverneure zu disziplinieren und die christlichen Heere zurückzuhalten, die eindeutig die größeren Kräfte mobilisieren konnten, was vielleicht auch daran lag, das 1099 Jerusalem von den Kreuzfahrern eingenommen worden war, was neuen Schwung brachte und die islamische Seite lähmte, denn die Stadt ist beiden Religionen heilig. Erst 1144 wurde daraufhin in Damaskus der Dschihad gegen die Kreuzfahrer ausgerufen. - 1146/47 lösten die Almohaden - von al-muwahidûn, d.h. "Einheitsbekenner" - die Almoraviden ab und herrschten bis 1232. Ihr Gründer, der Berber Muhammed Ibn Tumart wird von den Anhängern dieser Sekte noch heute als ein von Gott gesandter Mahdi verehrt, der die Einheit der Gläubigen in Gott und gegen den religiösen und moralischen Verfall predigte. Sein Nachfolger Abd al-Mumin organisierte die Gemeinde zu einem Heer mit strenger hierarchischer Ordnung nahm 1146 Sevilla den Almoraviden ab und beherrschte nun den spanischen Süden.

      Der Nachfolger, Yûsuf Ibn Jakub (1163-1184), verlegte seine Residenz 1170 von Marrakesch nach Sevilla um näher am Kampfgeschehen an der Nordgrenze zu sein, die er bis 1171/72 bis auf Toledo zurückerobert hatte und ließ sich, um seinen Regierungssitz würdig zu gestalten, einen Palast und eine große Moschee in Sevilla erbauen, deren Minarett in Aufbau, Gliederung und Schmuck ein Ebenbild der gleichfalls 1184 erbauten "Kutubya" in Marrakesch ist. Sie wurde nach der christlichen Rückeroberung der Stadt in eine Kirche umgebaut. Das einstige Minarett, die Giralda, ist heute noch eines der Wahrzeichen Sevillas. Auch von den Palastbauten der Almohaden ist heute nicht mehr viel übrig; spärliche Reste lassen auf ruhige Formen mit Hufeisen- und Spitzbogen sowie Stuckarbeiten schließen.

      Zur gleichen Zeit lehrte Ibn Roshd (1126-1198), heute eher bekannt als "Averroes", in Córdoba. Er stieg zum Leibarzt Jaqubs auf und gab 1162 eine große medizinische Enzyklopädie heraus. Seine Kommentare zu Aristoteles, ab 1182 in unregelmäßiger Folge herausgegeben, führten im christlichen Europa zu heftigen Diskussionen und beeinflußten die scholastische Auslegung, bis sich Thomas von Aquin um die Scheidung der Gedankengänge bemühte.

      Auch wenn sich unter der Regierung Yûsufs die Lage etwas entspannt hatte und einige der schlimmsten Repressionen zurückgenommen wurden, verbitterte der rohe Druck der herrschte doch die spanisch-christliche Bevölkerung, da die neuen Herren im Gegensatz zu den früheren Kalifen religiös Intolerant waren. Die schutzbefohlenen Einwohner - Juden und Christen - wurden vor die Wahl gestellt: Auswanderung oder Islam. Viele jüdische Familien wanderten nach Ägypten, und Christen ins christliche Spanien nach Kastilien, León und Asturien ab und nahmen ihre Kultur mit, wo sie sich an manchen Bauwerken und Gegenständen der Kleinkunst niederschlug. - Auch im allgemeinen begann sich das Verhältnis zwischen den verschiedenen Völkerschaften in Spanien bald so zu gestalten, das die Araber je sicher sie sich fühlten, sie desto weniger darauf bedacht waren die Vereinbarungen einzuhalten. Dadurch wurde die Unzufriedenheit gefördert und es zeigte sich auf lange Sicht, daß die Herrschaft schwerer zu behalten als zu erwerben war.

      Das Mißtrauen der mystisch geprägten Almohaden gegen die angewandte Logik führte auch dazu, das viele Wissenschaftler ins mittlerweile christliche Toledo abwanderten. Alfons VIII. von Kastilien, genannt "der Weise", hatte dort begonnen die Mischbevölkerung aus Juden, Mauren und Christen mit Milde neu zu organisieren. Weil auch seine Nachfolger Toleranz übten konnte sich Toledo noch 200 Jahre lang - trotz heftigem päpstlichem Widerspruch - frei entfalten. Man kann Toledos Beitrag zur europäischen Geistesgeschichte nicht hoch genug einschätzen, denn als den Menschen noch vorgeschrieben wurde, was man glauben, denken und wissen durfte - also im sogenannten "finsteren Mittelalter begann sich hier in einer Athmosphäre geistiger Freiheit die Renaissance vorzubereiten.

      Die zwei Jahrhunderte, die zwischen der Auflösung des spanischen Kalifats von Córdoba und der entscheidenden Schlacht bei Las Navas de Tolosa lagen, waren die eigentliche Blütezeit der spanisch- maurischen Kultur, die trotz ihres militärischen Charakters Wissenschaft und Kultur förderte. Die spanischen Universitäten genossen Weltruf und zogen Studenten aus allen Teilen Europas an. Hier lagen nun die Schatzhäuser überlieferten Wissens und die, die als Vermittler dieses Wissens tätig waren - hauptsächlich Moslems und Juden - schlossen sich den neugegründeten Übersetzerschulen unter königlichem Patronat an. Sie arbeiteten nach dem Vorbild des von Kalif al-Mamun um 820 in Baghdad gegründeten "Hauses der Weisheit" und übersetzten arabische, griechische oder hebräische Texte ins Lateinische. Das christliche, gebildete Europa pilgerte nach Toledo um dort die neu entdeckten Schätze seiner vergessenen Geistesgeschichte wiederzufinden; der Höhepunkt der theozentrischen Denkweise wurde langsam überschritten und man wagte unbequeme Fragen zu stellen. Fast jede wissenschaftliche und technische Disziplin unserer Neuzeit hat ihre Quelle in der Vermittlung des "Toledaner Humanismus": Medizin, Optik, allgemeine Physik, Geografie, Nautik, Mathematik, Astronomie und Alchemie sowie viele dazugehörende, z.T. heute noch unveränderte Präzisionsinstrumente wie Kompaß, Astrolabium, Skalpell, Himmelsgloben und nautische Karten. Auch poetische und religiöse Vorstellungen wurden übernommen, wie z.B. Dantes Beschreibung der Reise durch Himmel und Hölle, die auf Mohammeds Himmelsritt auf dem Borag zurückgeht.

      Muslime und Juden wurden nicht gezwungen den christlichen Glauben anzunehmen. Sie waren Mudejares und durften bei weiterhin freier Glaubensausübung als Handwerker ihre hochwertigen Konsumwaren produzieren, wie z.B. die begehrten Toledostahl-Schwertklingen mit Damaszener-Arbeit und das weiche Marroquin-Leder, deren Exporte die Staatskasse füllte. Textil, Leder, Metallwaren, Teppiche und Seidenstoffe - Produkte des islamischen Kunsthandwerks und der spanisch-arabischen Industrie beeinflußten die abendländischen Formen und koloristische Gestaltung in Malerei und Dekoration. Ihre Kunst, der Mudejar-Stil war hauptsächlich Flächendekoration. Sie bearbeiteten Backstein, Gips, Keramik und Holz in Nachahmung verschiedener maurischer Stile; die Ornamente wirken im direktem Vergleich mit der arabischen Ornamentik jedoch merkwürdig schlaff und verschoben. Der Mudejar-Stil erlebte seine Blütezeit für etwa 50 Jahre Ende des 14. Jhdts. bis Anfang des 15. Jhdts.

      Trotz der gewährten Freiheiten wanderten große Teile der jüdischen und arabischen Bevölkerung allmählich wieder ab; vorwiegend nach Granada und Malaga, wo sich ihnen die Möglichkeit zum Fernhandel eröffnete. - Mozarabische christliche Mönche, die nach den Verfolgungen durch die Almohaden und Almoraviden den maurischen Landesteil verlassen hatten und nach Katalonien gingen, bauten um Barcelona und in der Umgebung von León, Burghos und Astorga viele kleine Klosterkirchen. Sie bilden heute die größte Gruppe erhaltener vorromanischer Bauten in Europa. Äußerlich sind sie an der von den Mauren übernommen schmucklosen Ziegel- und Backsteinfassade zu erkennen, die keine Aussagen über den zu erwartenden Innenraum zuläßt. Auch die viel zu stark gerundeten Hufeisen- und Vielpassbögen ohne Farbsteinwechsel weisen eher in die Vergangenheit, nach Medina az-Zahra und der Mezquita hin.

      1195 siegte Jaqub al-Mansur bei Alarcon über Alfons III. Die christliche Seite wertete es als Strafe des Himmels, zumal parallel dazu im Orient ähnliche Entwicklungen abliefen: 1187 hatte Sultan Saladin die Kreuzfahrer in Palästina durch den Sieg bei Hattin erschüttert und zwei Jahre später Jerusalem erobert. Europa war der Ansicht, die Westfront gegen den Islam sei zusammengebrochen, was al-Andalus noch eine letzte Frist ließ, obwohl die Zeit der "Moros" in Spanien im wesentlichen vorbei war. Man war sich noch nicht bewußt, daß die islamische Welt nur noch religiösen, aber keinen politischen Zusammenhalt mehr hatte.

      Nach Jaqubs Tod konnte sein Sohn Muhammed die Macht nicht halten. Bei Navas de Tolosa fand 1212 die entscheidende Schlacht statt. Alfons gelang es trotz Streitigkeiten um die Führung im französischen und spanischen Heer die Almohaden so entscheidend zu schlagen, daß ihre Macht zerfiel und Muhammed aus der Schlacht nach Fes floh, wo sich die Almohaden noch 20 Jahre behaupten konnten. In den darauffolgenden christlichen Eroberungen von Jaén, Merida und Badajoz wurden so gewaltige Reichtümer aufgebracht, das bei der Rückkehr der Sieger der Goldwert fiel und erzählt wurde, daß einfache Soldaten mit Goldmünzen um sich warfen als seien es Kupferne.

      In den folgenden Jahren unterwarfen die Könige von Kastilien und Aragon die großen Städte und ihre Provinzen. Spanien wurde nun zügig von den Christen zurückerobert. Den entscheidenden Schlag der Reconquista führte Ferdinand III. (1217-1252), der León und Kastilien endgültig vereinigte und Córdoba und Murcia 1236 eroberte und schließlich mit Sevilla 1248 die damals wichtigste Festung einnahm. Das übriggebliebene kleine Königreich Granada mußte die Oberhoheit Kastiliens über Spanien anerkennen. 1262 wurde Cadiz erobert. 1462 wird schließlich das 711 von den Mauren eroberte Gibraltar zurückgewonnen. Auf der iberischen Halbinsel existieren nun die christlichen Königreiche Aragonien, Kastilien, Navarra, Portugal und ab 1335 das kleine maurische Königreich Granada in der SO-Ecke Spaniens; von Bergen und Meer geschützt konnte es sich noch zweieinhalb Jahrhunderte behaupten.

      Granada - das hieß auf arabisch Hisn ar-ruman - Granatapfelburg - was auch dem spanischen Namen entspricht. Die Nasriden hatten das kleine Königreich gegründet, nachdem sie sich von den Almohaden losgesagt hatten. Bei der Auflösung des Kalifats bildete Granada zusammen mit Malaga ein teilunabhängiges Emirat unter Herrschaft der tunesischen Berberdynastie der Ziriden, gegründet von Zawi Ibn Ziri (1019-1038), deren größter Herrscher Badis (1038-1073) zur gleichen Zeit regierte wie der Abbadide al-Mutadid in Sevilla, der die Kontakte zu den Almohaden hergestellt hatte. Unter ihm, und seinen Nachfolgern Habbus und Abdallah wurde auf dem Alcazaba-Hügel die Stadtanlage ausgebaut und die Einwohnerzahl wuchs. Das Granada innerlich so befriedet war, lag an dem Übergewicht der Berber in der Stadt, die alle wichtigen Schlüsselpositionen besetzt hatten. Unter ihnen erhielten die Juden so hervorragende Stellungen, daß die Stadt im Volksmund "Judenstadt" genannt wurde, was weitere zahlreiche jüdische Familien anzog, die sich hier niederließen. 1066 kam es aber auch hier - vielleicht gerade wegen dieses Übergewichts - zum ersten und einzigen Judenprogrom in der arabischen Geschichte, dem 1.500 Familien zum Opfer fielen.

      Mit dem Auftreten der Almohaden glückte es Muhammed al-Ahmar aus dem Berberadel der Beni Nasr, die sich von Saad Ibn Obada, einem engen Gefolgsmann Mohammeds ableiteten, die Herrschaft an sich zu reißen. 1195 wurde er in Arjuma an der Sierra Morena geboren. 1238 wurde ihm Granada überlassen und er und seine 22 Nachfolger aus dem Nasridengeschlecht herrschten bis 1492 über Granada. Nach der verlorenen Schlacht von Navas de Tolosa 1248 mußte er Ferdinand III. als Landesherren anerkennen, Tribut zahlen und Heerfolge leisten. Bei der Einnahme Sevillas, bei der er gegen seine Glaubensbrüder kämpfen mußte, soll er resignierend gesagt haben: Wa le ghalib, ill' allah ("Es gibt keinen Sieger außer Allah"). Es wurde das Motto der Nasriden, das sie auch in ihrem Wappenschild führten. - Muhammed al-Ahmar sicherte sich nach allen Seiten ab: Mit Beni Merin, dem Stammvater der Meriniden, die in Marokko die Almohaden ablösten schloß er einen Unterstützungsvertrag ab und erkannte die Oberhoheit des Kalifen in Baghdad wieder an - was aber nicht mehr ankam, weil der letzte Kalif 1258 gestürzt und der Titel danach abgeschafft wurde. Muhammed Ibn al-Ahmar war auch der erste vieler Bauherren auf der Burg mit dem Namen Quala'at al-hamra, d.h. "Rote Festung". Er nannte seinen Palast Qasr al-hamra, das rote Schloß, weil es innerhalb der Umfriedung der roten Burg erbaut war. Sein Sohn Muhammed II., der wie alle Nasriden den Beinamen Abu Abdallah trug, sicherte die Grenzen gegen Kastilien und Aragon-Katalonien mit einer Kette von Militärstützpunkten und baute die Alhambra weiter aus.

      Nach einigen bedeutungslosen Regenten folgte Yûsuf I. al-Hadjaj, genannt "Mekkapilger" (1333-1353), der in langen Kämpfen gegen die Christen Algeciras, Gibraltar und Ronda endgültig verlor. Er ließ Schulen bauen, unterstützte den Handel und organisierte die Polizei, Handwerk und Almosenwesen neu. Granada entwickelte sich in der Folge zum Kulturzentrum, das Architekten, Dichter, Historiker und Astronomen anzog. Der Aufstieg der Stadt zur reichsten Stadt Spaniens unter seiner Regierung gründete sich auf das wirtschaftliche Potential und das handwerkliche und kaufmännische Können gläubiger Moslems und Juden, die nach 1248 vor der Inquisition aus den christlich eroberten Städten hierhin flüchteten. Daraus folgte der Handel mit Luxusgütern, der wiederum den Neid und die Begehrlichkeit der christlichen Nachbarn erregte. - Yûsuf I. trug haupsächlich zur Ausschmückung der noch erhaltenen Hauptteile des Nasriden-Schloßes bei. Es gilt heute als eines der bedeutensten Bauwerke des Westlichen Islam. Die Unkosten dafür müssen gewaltig gewesen sein, denn im Volk ging das Gerücht, er könne aus Staub Gold machen. - 1353 wurde er beim Gebet in der Moschee von einem Wahnsinnigen erstochen.

      Ihm folgte sein Sohn Mohammed V. (1353-1390), der den Ausbau der Alhambra abschloß. Für einige Jahre war er von einem aufrührerischen Verwandten aus Granada vertrieben worden, der aber von einem Spitzel Pedros "des Grausamen" von Kastilien in Sevilla ermordet wurde, weil ihm Mohammed in Granada nützlicher war als der andere Regent. Das wirft auch ein Licht auf die enge Verbindung zwischen christlichem und arabischem Hof, die beide ihre Vorteile aus der Situation zogen.





«     Das Ende in Granada     »


      Granadas Politik war die Geschichte einer ständigen Balance zwischen den Machtblöcken. Das Ende wurde 1453 mit der Eroberung von Byzanz durch die Türken unter Sultan Mehmet Fatih II. eigeleitet. Spanien fürchete - und Granada hoffte - die neue islamische Groß-Macht, die ihren Aufstieg im Osten begann, könne das kleine Nasriden-Emirat als Sprungbrett nach Europa benutzen. - 1466 kam Abul Hassan Ali Abu Abdallah - von den Spaniern "Boabdil" genannt - auf den Thron. Er trug wegen seiner Unansehnlichkeit den Spottnamen as-Saghir, d.h. der "Kleine, Unschöne"; spanisch: "el rey chico" - und er gab wirklich eine unglückliche historische Figur ab, wobei sich gerade zu seiner Zeit Dichtung und Wahrheit so eng verschlingen, daß sie kaum noch voneinander zu trennen sind.

      1478 bestiegen Ferdinand von Aragon und Isabella von Kastilien den Thron der vereinigten spanischen Reiche. Durch ihre ständigen Unterwürfigkeitsbezeigungen gegenüber Rom hatte ihnen der Papst den Ehrentitel "Los Reyes Catholicos" verliehen. Sie strebten eine christliche Einheitsorthodoxie an, dem nur noch die Existenz des muslimischen Granadas widersprach. Das Motto dieses spanischen Staates lautete entsprechend: "Eine Herrschaft - ein Reich - eine Religion". Die Errichtung eines spanischen Nationalstaates durch die politische Einigung von Kastilien und Aragon als Folge ihrer Heirat brachte eine bis dahin nie gekannte Machtfülle die die schnelle Eroberung der maurischen Königreiche von Granada und Navarra erleichterte. Der offene Bruch zwischen Granada und Aragon-Kastilien kam, als Boabdil sich 1479 weigerte weiterhin Tribut zu zahlen. Die Könige ließen sich mit der Beantwortung der Provokation bis 1481 Zeit und nahmen dann die Grenzfestung Zahara ein. 1483 versuchte Boabdil daraufhin das Grenzstädchen Lucena zu erobern, wurde aber gefangengenommen und erst gegen Zahlung von 12.000 Goldstücken freigelassen. 1487 wurde Malaga eingenommen und fast die gesamte Bevölkerung in die Sklaverei verkauft. 1491 war schließlich bis auf Granada alles unter christlicher Herrschaft und die Truppen Ferdinands und Isabellas belagerten die Stadt. Von ihrem Feldlager "Santa Fé" aus führten sie Regierungsgeschäfte.

      Granada wurde schließlich nach 11jährigem zähem Widerstand besiegt. Durch die große Bevölkerungsdichte in der Stadt wurden die Vorräte knapp und Hilfe aus Marokko kam auch nicht, weil die dort herrschenden Meriniden mit der Niederschlagung innerer Unruhen beschäftigt waren. So kam es zu ersten Verhandlungen. Als die Übergabebedingungen ausgearbeitet waren erhielten sie keine Sicherheitszusagen auf Religion, Recht und Besitz für Moslems und Juden. Boabdil, des Streits müde, nahm sie trotzdem an. 1492 wurden Stadt und Festung Granada übergeben und der letzte Maurenkönig mußte nach Marokko ins Exil, wo er in Fes unter dem Schutz Sultan Muley Ahmed III. noch bis 1536 lebte.

      Nach dem Sieg der Spanier wurden die Gebäude der Mauren als Siegestrophäen benutzt, was sie letztlich vor dem Verfall bewahrte. Um die weitere Entwicklung der Missionierung vor Ort zu überwachen residierte König Ferdinand noch bis 1493 auf der Alhambra. Noch im Jahr der Eroberung der Stadt brach Columbus zu seiner ersten Reise auf, bei der er - eher zufällig - Amerika entdeckte; er kam von einer Audienz, die ihm bei Königin Isabella dort im Mauren-Palast gewährt worden war; Karl V. baute sich später einen Sommerpalast in den Alhambrakomplex hinein. - Nach der Eroberung hatte man gute Gründe sich über Unruhen zu sorgen: Der Kampf der Spanier gegen die Mauren war nie ein Ringen um politische Freiheit, sondern Ausweitung des Herrschaftsbereichs und ein Kreuzzug gegen Andersgläubige. Unter den "Moros" war eine rigorose Missionspolitik angeleiert worden und es begann nach der Entmachtung der Mauren eine Zeit beispielloser Barbarei mit allen arabischen Kulturwerten. Der katholische Erzbischof Jimenez ließ alle arabisch geschriebenen Bücher und Bibliotheken und Schriften beschlagnahmen und ohne Rücksicht auf ihren Inhalt verbrennen, da sie "dem wahren Glauben entgegenstanden" Es wurden Listen über ihre erfolgreiche "Exorzierung" angelegt, in denen berichtet wird, daß auf diese Weise über 1 Million Bücher aus allen Sparten der Wissenschaft und Kultur vernichtet worden seien. - Da dies vor der Erfindung der Buchdruckerei geschah ist der Verlust bis heute weder zu überblicken, geschweige denn wieder gut zu machen.

      Nach den Büchern brannten die Menschen: Alle Eigentümlichkeiten maurischer Kultur wurden in der zu diesem Zweck gegründeten Inquisition verfolgt und die islamische Rechtspflege wurde aufgehoben. Die Moriscos, die Nachkommen der Mauren, wurden unterdrückt und gedemütigt. Arabische Kleidung, Sprache und Lebensweise (z.B. die Benutzung der Bäder) wurde verboten. Auf Drängen der Kirche wurden entgegen aller vorheriger Versicherungen Juden und nichtchristliche Araber die zurückgeblieben waren umgebracht, vertrieben oder zwangschristianisiert. Massentaufen waren an der Tagesordnung und Konvertiten, die Kontakt zu früheren Glaubensgenossen hatten wurden zum Scheiterhaufen verurteilt - ebenso alle die sich weigerten das Christentum anzunehmen. Viele der Wohlhabenderen schafften es nach, Afrika zu fliehen; der mittellose Rest der in Spanien bleiben mußte wurde aufgesogen oder umgebracht. - Damit waren nach fast 1.000 jähriger Herrschaft die letzten Spuren des Islam in Spanien verweht. Der Gewaltakt trug die Rache in sich: Wissen und Können ihrer Kultur ging verloren, Spanien verlor seine ökonomische Machtstellung und veramte allmählich. Von den Folgen des Fanatismus und der Intoleranz hat sich das Land nie ganz erholt.

      Es fehlte auch in den folgenden Jahrzehnten nicht an Aufständen der Unterdrückten, weil aber keine Hilfe von außen kam führten sie nur zur Rechtfertigung weiterer Verschärfungen. - Die Spanier die sich schließlich nach Amerika einschifften standen noch ganz unter dem Eindruck ihres Sieges über den Unglauben, der zum nationalen Anliegen geworden war und aus diesem spanischem Selbstverständnis heraus konnte der hohe Geistliche Juan Gines de Sepúlveda über die Indios sagen: Son animales, Señior, no son gentes ("Es sind Tiere, mein Herr, keine Menschen") - und sie entsprechend behandeln. - Es waren die gleichen Methoden der Durchsetzung des Christentums mit Schwert und Unterdrückung wie sie schon an den Mauren erfolgreich exekutiert worden - im stolzen Bewußtsein, Gottes auserwähltes Volk zu sein.

      1609 schließlich konnte König Philipp nach der Enteignung und Vertreibung der letzten tausend Morisco-Familien nach Nordafrika dem Papst in Rom offiziell melden, das christliche Werk sei getan und der Unglauben in Spanien sei besiegt.





© Sommer 1999 by Siegrid Schmeer, Marburg



  
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